zarte takte tröpfelt die zeit von Marlies Blauth, 2015, NordParkzarte takte tröpfelt die zeit.
Gedichte von Marlies Blauth (
2015, NordParkVerlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Juli 2015:

und alles neue holt noch einmal/ das verlorene hervor

Die Dichterin Marlies Blauth, 1957 in Dortmund geboren, ist eine Doppelbegabung, die als bildende Künstlerin ihre Lyrikbücher mit eigenen Illustrationen eindrucksvoll zu vervollkommnen versteht und Gedichte und Bilder zu einem unzertrennlichen Gesamtkunstwerk zusammenwachsen lässt.

So auch in ihrem neuen „Besonderen Heft“ aus dem NordParkVerlag, das den Titel „zarte takte tröpfelt die zeit“ trägt.

Marlies Blauths zarte Gedichte verkörpern Wirklichkeit und Poesie gleichermaßen, ähneln flüchtigen Träumen und bleiben doch greifbar, „sehen/ wie weit alles schon zurückliegt/ (so viel weiter als das Gefühl)“.

Diese Gedichte sind so existenziell, wie Sprache für die Autorin lebensnotwendig ist, dass sie sie personifiziert: „Wie müde wird mir/ meine sprache./ zerknittert legt sie sich/ auf mein gesicht, / geht ein.“

Marlies Blauth Rechtschreibung, mal groß, mal klein, mal mit Satzzeichen, meistens ohne, lässt keine Methode entdecken, aber hilft, dass ihre Gedichte unterschiedlich wahrgenommen werden, einmal als melodisches Ganzes, dann wieder gebrochen oder verhalten hingesprochen wie ein Gedanke, der nicht verloren gehen sollte oder vielleicht besser doch?

Womöglich im Wechsel der Jahreszeiten ist die Zeit ein großes Thema der Dichterin, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft in der Erinnerung und im Vergessen. Dabei lässt sie sich auf das alles Beherrschende, Leben und Sterben, ein und beeindruckt uns mit der Bildlichkeit ihrer behutsamen Gedanken.

„Aber“, dichtet sie, „wir haben noch unsere Gedanken:/ Die können wir knüpfen und stricken/ zu einem Traum/ stark genug/ Engel zu tragen“.

Marlies Blauth weiß um unsere Vergänglichkeit, vielleicht ein Grund, das Gewesene noch einmal zu beschwören „Hinterer Schrank, links“, ohne den Wandel zu ignorieren.

„Soweit es ging/ waren die Faltengebirge/ notierter Gedanken geglättet/ in Kartons geschichtet/ der Zeitlosigkeit anheimgegeben.// Aber sie hat uns geäfft, die Zeit rückt weiter und frisst Namen. Frisst die Verliebten/ die aus geschwungenen Wörtern/Versprechen schufen“.

Die Dichterin schreibt zeitlos, wer weiß, vielleicht sogar für die Ewigkeit, ohne aber zeitunkritisch zu sein, wofür das Gedicht „gottesdienst“ ein gelungenes Beispiel ist, in dem sie den Konsumrausch heutiger Tage ironisch und bitterböse geißelt: „durch die hirnwindungen/ dieser stadt wandern/ zehntausend in ihre mitte - / erhoffen sich heilung/ von ihren wünschen.“

Ihren Einfallsreichtum, neue Wortkombinationen und Assoziationen zu schaffen, finde ich einfach genial. Er macht u. a.das Unnachahmliche ihrer Gedichte aus. „auf der Brücke“, lesen wir, „über meinem Gehirn/ schlurft und rappelt/ mein Herz// will die Gedankenmäuschen/ erwischen/ aber sie rennen/ rennen// bis in den Morgen“.

Wir erkennen in der Dichterin eine Frau, die kritisch die Dinge hinterfragt und sich nicht schont: „im rucksack/ habe ich stückwerk/ mitgebracht von der jagd/ meine zunge“. Die trauert, leidet und liebt „und weiß// dass unsere lebenslinien/ nur einmal jetzt/ hier sich kreuzen: / im koordinatensystem/ ein winziger punkt.“

Die analysiert: „Geruch und Dagewesensein/ Überall Spuren, / die unsichtbarbar sind“. Die vom Altern spricht: „die wege/ sind weiter geworden/ also fahren wir mit dem auto/ durch die erinnerung/ wüsten bauten entgegen.“

Die präzise beobachtet: „Marmelade, / zitronig helles Gebäck/ und dunkel gekochte Sprache.“

Die auch das Unfassliche , augenzwinkernd und spöttelnd, ins Wort zu bringen weiß: „Wir haben sogar die/ Kommunion wieder eingeführt:/ Wir impfen sie jedem unter die Haut./ Das ist Gemeinschaft, ist Liebe./ Nach Brot fragen Sie?/ Lassen Sie ihre Portion/ von uns errechnen.“

Marlies Blauth ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Dichterin, gleichzeitig scheu und selbstbewusst, sensibel und weise, ein kritische Zeitgenossin, aber auch Seelenmensch: „bergisches land// irgendwo zwischen/ almengrün und müdgrau/ schlängelt sich meine erinnerung/ über wege/ in jedem haus wohnte/ ein gott oder jesus/ mit uns/ aß er buchstabenbrot/ ein karger segen war das/ aber seelenkleidung/ gegen den wind/ und die einsamkeit/ in den tälern.“

Ihre Gedichte sind Spracherlebnisse „gegen die langeweile“, poetische Psychogramme „aus der Tiefe“ von Menschen, ihren Träumen, Wünschen und Leidenschaften und  nicht zuletzt sind es welche, die mich trösten und mir das Herz wärmen: „sie wären längst ausgerottet/ spricht er der gott der vernunft/ wären da nicht/ die verrückten“.

Alle fünf Punkte gebe ich Marlies Blauths Gedichten auf einer Skala von fünf.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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