Tamaschito von Wieland Förster, 2017, SandsteiunTamaschito.
Roman einer Gefangenschaft von Wieland Förster (20
17, Sandstein Verlag).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg,
für die LYRIKwelt.de, XI. 2017:

Tamaschito. Roman einer Gefangenschaft.

„Thom begann, das ganze Unheil, das ihn umgab, als Betroffener, der nichts aufrechnen kann, mit wachen Sinnen zu sehen und ahnte, dass er hier Stück für Stück der Stunde seines Todes entgegentaumelte. Welch Geschick erwartete ihn, ohne Geschichte von Belang von der Welt als staunender Jüngling gehen zu müssen.“ (73)

Sätze aus dem soeben erschienenen Buch des großen alten Mannes der deutschen Bildhauerei, Wieland Förster, der mit diesem Buch seine Erinnerungen, begonnen mit dem „Seerosenteich“ (2012 erschienen) in anderer, romanartiger Form fortsetzt. Erzählt wird aus der Lebenszeit eines zu Unrecht in ‘s Gefängnis verbrachten Jugendlichen, als alter ego Försters Thomas Gerber (Thom) benannt, von dessen innerem und äußerem  Überlebenskampf, seinen (häufig grotesken) Erfahrungen mit Mitgefangenen und Gefängnispersonal, seinem Innenleben und der ihm eigenen starken geschlechtlichen Bindung und Ausformung, die Sexualität eines 16jährigen nach seinen ersten Libidoerleben aufgreifend und fortschreibend.

„Ganz gleich, wo dich der Tod trifft, dachte Thom, Erlösung würde er sein von den unglücklichen Phasen dieses Lebens, ja, es herrschte ein Einverständnis, eine Verschwörung zwischen dem Mörder und dem Opfer, das die Sättigung an Leid erfuhr. Der Tod wird zum Freund seines Todes.

Die einzige Brücke, die sich als gangbar zurück ins Leben erwiese, wäre der Trieb des mächtigen Geschlechts, der Wille des unbändigen Fleisches, es ist die Kraft des als göttlich empfundenen Zeugungswillens, der in die Zukunft führt, von den frühen Schöpfungstagen an bis heute. Dieser Grundnatur ist es völlig gleich, ob sie Idioten oder Genies zeugt, dies überlässt sie dem hochmütigen Schöpfer.“ (182)

Hier schreibt jemand gegen bedrängende Erinnerungen in der Spannung von Thánatos und Éros an, stellt sich dem Trauma einer verlorenen Jugend und begibt sich auf das Gebiet einer versuchten Ordnung von Lebensumständen, die es unternimmt, Unsägliches in Begriffe zu überführen. Auch wenn desideria et enuntiationes ex eventu begegnen und der Text nicht immer frei von Stilisierungen ist, trifft den Leser die Sprachkraft des Dichters Förster, die über Aufzählungsgeschehen und bloße Eigen(be)wertungen weit hinaus reicht, den Kosmos eines Werdenden unter derart widrigen Umständen beschreibt, auszieht und wägt.

Die Geschichten, die Förster aus der Enge des Auf- und Aneinander-Gewiesenseins im ‚Russengefängnis‘ mitzuteilen weiß, bilden im Mikro- des Gefängnis‘ den Makrokosmos der unmittelbaren Nachkriegszeit ab, die den Titel gebende abkürzende Bezeichnung noch erfährt Erinnerung als aufleuchtendes Moment in hora mortis. (50)

„Vielleicht aber war er gezwungen, hier weiter am Ort festzusitzen, in Urin und Kot langsam zu erstarren, ein Haufen Unrat zu werden, dessen man schließlich Herr wird, indem man ihn und alle Mithäftlinge zur Räumung der Gruft zwingt und sie dann auf andere Verliese verteilt. Und je länger Thom so willenlos dasaß, umso zudringlicher beherrschten ihn diese Bilder, verstärkte sich das Verlangen, tot zu sein: heimgesucht, ohne noch einmal berührt worden zu sein. Wenn ein Vergleich überhaupt möglich ist, dann wäre mein Kopf, dachte Thom, vielleicht eine Art Laterna magica, die kleine, schreckliche Bilder tragende Glasscheiben pausenlos mit hörbarem Klick beschickt, die völlig untauglich fürs normale Dasein sind.“ (89)

Die Schwere des Geschehens, die den Adoleszenten in der ihn umgebenden und betreffenden Gefangenschaft trifft, auf sich selbst zurück wirft (und ihm wohl ein Leben lang erhalten bleibt); das Ausgeliefertsein an nicht zu verantwortende Umstände, die „kleine(n), schreckliche(n) Bilder im Kopf“, die letztendlich „untauglich fürs normale Dasein sind“ (und machen) - all‘ das lässt beim Lesen bestimmte Plastiken und Graphiken Försters erscheinen, die Schinden, Pfählung, übermäßige Anspannung in qualvollem Verharren, Erstarrung und erotische Ich- und Aufeinander-Bezüge darstellen. Der von Förster vorgelegte Text bedeutet ebenso innere Qual und nimmer endende Hinterfragung als Lebensvollzug wie auch getriebenen Éros, gesteigerte und schwer abzugeltende Sexualität mit den entsprechenden Traumderivaten.

Nicht zuletzt bedeutete der Text auch eine Herkunft aus Kriegs- und Nachkriegszeiten, die bis heute ihre Nachwirkungen entfaltet und (mindestens latent) weiterhin wirkt.

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